Erst wenn meine Figuren leben, beginnt das Schreiben.

Bevor ich eine Geschichte schreibe, schreibe ich sie eigentlich längst.

Nicht in Sätzen oder in Kapiteln, sondern in meinem Kopf.

Ich sehe Räume, höre Gespräche. Ich weiß, wie eine Figur die Wohnung betritt, wie sie auf dem Sofa sitzt oder was sie tut, wenn ihr eine Frage unangenehm ist. Manche Szenen laufen immer wieder vor meinem inneren Auge ab, lange bevor sie irgendwann auf einer Buchseite landen.

Aber dafür muss ich meine Figuren kennen.

 

Ein Name, ein Alter und ein paar Charaktereigenschaften reichen mir nicht. Ich möchte wissen, was ein Mensch tut, wenn niemand hinsieht. Worüber er niemals sprechen würde. Was ihn wütend macht. Wovor er Angst hat. Welche Ausreden er benutzt – vor anderen und vor sich selbst.

Ich möchte wissen, wie er klingt. Denn erst irgendwann passiert etwas Merkwürdiges: Ich muss nicht mehr überlegen, wie meine Figur in einer bestimmten Situation reagieren würde. Ich weiß es einfach.

 

Dann beginnt für mich das eigentliche Schreiben.

 

Ab diesem Moment schreibe ich den Film aus meinem Kopf. Szene für Szene.

Ich sehe, wer wo steht. Wohin jemand schaut. Ob eine Antwort sofort kommt oder ein paar Sekunden zu spät. Ob jemand eine Tasse abstellt, aus dem Fenster sieht oder plötzlich über etwas völlig Belangloses spricht, weil das eigentliche Thema zu nah kommt. Nicht alles davon schafft es später ins Buch. Aber ich muss es sehen können. Vielleicht entstehen meine Geschichten deshalb nicht zuerst aus einer Handlung. Sie entstehen aus Menschen. Die Handlung bringt sie in Situationen. Aber die Figuren entscheiden, was daraus wird. Und manchmal machen sie dabei etwas, das ich ursprünglich überhaupt nicht geplant hatte. Das ist meistens der Moment, in dem ich weiß: Jetzt leben sie.

Und jetzt kann ich ihre Geschichte erzählen.

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