Was zwischen Menschen passiert
Mich interessieren die leisen Veränderungen zwischen Menschen. Die Momente, in denen Nähe kippt, Dunkelheit wächst und Dinge unausgesprochen bleiben, weil sie nicht in das Bild passen, das nach außen bestehen soll.
Emotionale Abhängigkeit
Manchmal fühlt sich Nähe irgendwann nicht mehr nach Nähe an. Man passt sich an, erklärt sich, wartet, hofft und merkt erst spät, wie viel Raum der andere inzwischen im eigenen Leben einnimmt.
Mich interessiert, was zwischen zwei Menschen geschieht, wenn Liebe langsam zur Abhängigkeit wird. Wenn die eigene Stimmung davon abhängt, wie der andere reagiert. Wenn eine Nachricht Erleichterung auslöst und Schweigen plötzlich den ganzen Tag bestimmt. Wenn man Dinge hinnimmt, die man früher nicht akzeptiert hätte – nicht unbedingt, weil man sie für richtig hält, sondern weil die Vorstellung, den anderen zu verlieren, schwerer wiegt.
Emotionale Abhängigkeit entsteht nicht nur in toxischen Beziehungen. Sie kann auch dort wachsen, wo zwei Menschen einander grundsätzlich zugewandt sind. Problematisch wird Nähe für mich dort, wo das eigene Wohlbefinden, der Selbstwert oder die eigenen Entscheidungen immer stärker an einen anderen Menschen gebunden werden.
Besonders spannend finde ich die Frage, warum man das selbst oft so spät bemerkt. Wo endet Verbundenheit und wo beginnt Abhängigkeit? Warum wird aus Rücksicht Anpassung, aus Hoffnung Warten und aus Liebe irgendwann die Angst, ohne diesen Menschen nicht mehr zu können?
Genau diese leisen Verschiebungen interessieren mich beim Schreiben. Nicht nur die Frage, warum jemand bleibt, sondern was in einem Menschen geschehen muss, damit Gehen irgendwann schwieriger erscheint als Bleiben.
Innere Dunkelheit
Nicht jede Dunkelheit ist von außen sichtbar. Man funktioniert, antwortet, lächelt, vielleicht sogar, während sich innen längst etwas verändert. Mich interessiert dieser leise Punkt, an dem ein Mensch sich selbst fremd wird und noch gar nicht weiß, was mit ihm geschieht.
Oft beginnt es nicht mit einem großen Zusammenbruch. Es sind kleine Veränderungen. Dinge, die früher leicht waren, kosten plötzlich Kraft. Gespräche werden anstrengender. Freude wird leiser. Man zieht sich zurück, sagt Verabredungen ab oder erledigt seinen Alltag weiter, obwohl sich längst nichts mehr selbstverständlich anfühlt.
Besonders interessiert mich die Zeit, in der ein Mensch für all das noch keine Erklärung hat. Wenn er merkt, dass etwas anders ist, aber nicht benennen kann, was. Wenn er nach Gründen sucht, sich zusammenreißt, sich selbst Vorwürfe macht oder glaubt, einfach nur müde, unmotiviert oder empfindlicher geworden zu sein.
Innere Dunkelheit kann viele Gesichter haben. Depression, Erschöpfung, Einsamkeit, Angst oder das Gefühl, sich selbst irgendwo verloren zu haben. Von außen können zwei Menschen dasselbe Leben führen und innerlich an völlig unterschiedlichen Orten sein.
Genau dort entstehen für mich Geschichten: in der Lücke zwischen dem, was ein Mensch nach außen zeigt, und dem, was tatsächlich in ihm geschieht. Mich interessiert nicht nur der Moment, in dem etwas einen Namen bekommt. Mich interessiert vor allem die Zeit davor – wenn niemand sieht, wie dunkel es längst geworden ist.
Gesellschaftliche Tabus
Es gibt Themen, über die wir lieber schweigen, weil sie unbequem sind, nicht in Erwartungen passen oder etwas sichtbar machen, das wir gern verborgen halten. Mich interessieren genau diese Stellen, dort, wo gesellschaftliche Vorstellungen auf das treffen, was Menschen tatsächlich fühlen und erleben.
Wir haben ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie ein Leben aussehen sollte. Wie Beziehungen funktionieren, wie Familien miteinander umgehen, wie Erfolg aussieht, was man fühlen darf und wann man sich eigentlich glücklich schätzen müsste. Wer davon abweicht, muss sich oft erklären – oder lernt irgendwann, bestimmte Dinge lieber für sich zu behalten.
Dabei sind es nicht immer die großen gesellschaftlichen Tabus. Manchmal sind es Gedanken und Gefühle, von denen wir glauben, dass man sie nicht haben darf. Eine Mutter, die ihre Rolle nicht nur als erfüllend erlebt. Ein Mensch, der seine Familie nicht vermisst. Jemand, der trotz eines scheinbar guten Lebens unglücklich ist. Beziehungen, die nach außen funktionieren und hinter verschlossenen Türen ganz anders aussehen.
Mich interessiert, warum manche Erfahrungen gesellschaftlich akzeptiert sind und andere Scham auslösen. Warum wir bestimmte Wahrheiten lieber verschweigen. Und was dieses Schweigen mit einem Menschen macht, wenn das eigene Erleben nicht zu dem passt, was von ihm erwartet wird.
In meinen Geschichten möchte ich genau dort hinschauen. Nicht um zu provozieren, sondern weil das Ungesagte oft mehr über Menschen erzählt als das, worüber wir selbstverständlich sprechen.