Recherche: Wie aus einer Frage eine Geschichte wird.

Meine Geschichten beginnen selten mit einer fertigen Idee. Meistens beginnen sie mit etwas, das ich irgendwo aufschnappe.

Das kann in der Bahn sein. In einem Gespräch mit Freunden. Jemand erzählt mir etwas, das ihm selbst passiert ist oder jemandem, den er kennt. Manchmal ist es nur ein Satz, manchmal eine Situation. Irgendetwas daran bleibt bei mir hängen.

Dann merke ich es mir. Oder, was vermutlich realistischer ist: Ich schicke mir selbst eine WhatsApp, damit ich es nicht wieder vergesse.

Bei Social Media funktioniert es ähnlich – nur sehr viel schneller. Ich scrolle, aber ich konsumiere kaum. Mein Kopf sortiert eher im Sekundentakt: interessantes Thema – speichern. Guter Content, aus dem sich etwas Eigenes entwickeln ließe – speichern. Spannender Gedanke – speichern.

Entsprechend sehen meine Sammlungen aus. In Notion liegt eine riesige Datenbank, auf Instagram warten unzählige gespeicherte Beiträge. Wahrscheinlich ist das inzwischen meine größte Sammlung.

Und irgendwann kommt der Moment, an dem mich eines dieser Themen nicht mehr loslässt.

 

Dann fange ich an zu recherchieren. Erst im Internet. Dann über Google, Artikel und Fachseiten. Oft kommen Bücher dazu. Mit dem Kaufen von Büchern bin ich nämlich ausgesprochen schnell. Erzählt mir jemand von einem spannenden inneren Konflikt oder einer Erkrankung, stehen die Chancen ziemlich gut, dass wenige Tage später ein Fachbuch dazu bei mir liegt. Und aus einer Frage werden zehn.

Wie ist ein Mensch dort gelandet? Was ist vorher passiert? Warum verhält er sich so? Was hätte anders laufen können? Hätte sich etwas verhindern lassen? Was passiert psychologisch in ihm? Was sieht sein Umfeld – und was gerade nicht?

Mit jeder Antwort entstehen neue Fragen. Ein Artikel verweist auf einen anderen Aspekt, der führt zum nächsten Thema, und plötzlich bin ich sehr viel tiefer in einer Materie, als ich ursprünglich vorhatte.

 

Wenn ich mit der Recherche fertig bin, habe ich manchmal das Gefühl, ich könnte jetzt meine Doktorarbeit darüber schreiben.

Aber genau während dieser Recherche passiert für mich das Entscheidende: Die Geschichte entsteht.

Nicht am Schreibtisch beim Schreiben des ersten Kapitels. Sie wächst vorher, Stück für Stück, in meinem Kopf. Figuren bekommen ihre Vergangenheit. Entscheidungen beginnen logisch zu werden. Aus einzelnen Informationen entstehen Konflikte, Szenen und Konsequenzen.

Ich kenne das Romanende bereits, bevor ich auch nur ein einziges Wort des Manuskripts geschrieben habe. Diese Entscheidungen sind nicht beim Schreiben entstanden. Sie sind das Ergebnis dessen, was sich während meiner Recherche entwickelt hatte.

 

Wenn ich schließlich anfange zu schreiben, ist das Grundgerüst deshalb längst da.

Natürlich recherchiere ich auch während des Schreibens noch. Dann geht es aber meistens um Details: Ist dieser Gedankengang in dieser Situation tatsächlich plausibel? Würde jemand so reagieren? Wie weit ist es vom Wohnort einer Figur bis zum Kino? Wo könnte sie einkaufen? Funktioniert eine Szene an diesem Ort überhaupt so, wie ich sie mir gerade vorstelle? Die große Recherche ist zu diesem Zeitpunkt abgeschlossen. Vielleicht recherchiere ich deshalb manchmal sehr viel mehr, als später im Buch tatsächlich sichtbar wird. Aber genau das ist für mich der Punkt. Nicht alles, was ich weiß, muss im Roman stehen.

Ich muss es wissen, damit das, was im Roman steht, stimmt.

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